Ich bin jetzt seit 11 Jahren bei Blau-Weiss 90. Damals bin ich als Jugendtrainer zum SV Blau Weiß Berlin gekommen und durfte schon einiges an der Rathausritze erleben. Immer den Traum vor Augen, wieder die „90“ im Namen zu tragen, hat es mich nie woanders hingezogen. Tradition wird in diesem Verein schon immer groß geschrieben. Man bekommt quasi nie genug davon. Wir lieben unsere Geschichte und erzählen sie auch gerne.

Als Michael Meister vor einigen Jahren das Ruder übernahm, wurden er und seine Vision von vielen belächelt. „Man kennt das ja im Berliner Fußball“, wurde gesagt. Tradition hier, Tradition da, ein kommen und gehen. Zu viele sind in dieser Stadt schon angetreten und gescheitert. Auch ich war von Euphorie und Skepsis zerrissen und bin es immer noch. Aber wenn mich dieser Verein eins gelehrt hat, dann Geduld. In den 11 Jahren war das Ende oft nah und nun ist es, als erwache ein schlafender Riese ganz langsam im Schatten der anderen.

Berliner Meister, Aufsteiger, nach über 30 Jahren wieder überregional. All dies ist schon unfassbar und lässt sich kaum in Worte fassen. Seitdem sind einige Wochen vergangen, es wurde viel geschrieben, es wurde weiter belächelt und es wurde umso mehr spekuliert. Die Vorfreude auf die Saison wurde immer größer und bei der Frage nach dem ersten Gegner waren sich viele schnell einig. Tennis Borussia wäre eine Sensation um das Comeback perfekt zu machen. Das sah auch der NOFV so und erfüllte diesen Wunsch. Wie eingangs schon erwähnt, durfte ich in all den Jahren an der Rathausstraße viel erleben. Viele Derbys, viel Tradition. Preussen, Tasmania, Viktoria oder auch Dynamo und nun TeBe, der Rivale aus vergangenen Bundesliga-Tagen. Eins der traditionsreichsten Derbys der Stadt mitten in Mariendorf in einem Stadion was keines ist.

Nun sind seit dem 1. Spieltag zwei Tage vergangen und ich kann es immer noch nicht ganz glauben. Andreas Krühler von der FuWo beschreibt es meiner Meinung nach am besten. „Was war das für ein herrliches Spektakel am Sonntag an der Rathausstraße“, und weiter, „Das Duell der beiden ehemaligen Bundesligisten wollten rund 1000 Zuschauer sehen, so dass Volksfest-Atmosphäre herrschte“. Es übertraf tatsächlich alle meine Erwartungen, auch wenn man im Vorfeld sicherlich mit solch einer Zahl gerechnet hatte. Es war eine tolle Stimmung, es war friedlich und es hat viel Spaß gemacht. Wenn man von der Zahl unserer treusten Fans ausgeht, müssen die sich wie die Nadel im Heuhaufen vorgekommen sein. Sie haben das Bad in der Menge aber sichtlich genossen.

Auch rein sportlich war es trotz der knappen 1:0 Niederlage ein erfolgreicher Auftakt. Aufsteiger gegen Aufstiegs-Kandidat begegneten sich durchaus auf Augenhöhe. Lange Zeit schaffte es der Gastgeber das Spiel offen zu halten. Bis zur 60 Minuten sah es nach einer Punkteteilung aus, dann traf der erst vier Minuten vorher eingewechselte Bekai Jagne, nach Vorarbeit von Karim Benyamina zum 1:0. Strittig wurde es in der zweiten Halbzeit, als Schiedsrichter Mangold einen Treffer für Blau-Weiß 90 nicht gab und auf Foul gegen TeBe Torhüter Verstappen entschied, der sich in der Szene bereits außerhalb seines 5ers befand. Trotz der starken Endphase der Hausherren, konnte man die drohende Niederlage nicht mehr abwenden. Ein Unentschieden wäre durchaus ein gerechtes Ergebnis gewesen und die Gäste aus dem Eichkamp hätten sich nicht beschweren dürfen. Am Ende gewinnt die über 90 Minuten etwas clevere Mannschaft. Blau-Weiß Trainer Marco Gebhardt kann aber durchaus mit der Leistung seiner Mannschaft zufrieden sein: „Wir haben dem Gegner alles abverlangt und der hat die eine Chance genutzt“, weiter sagte er, „wir sind in der Oberliga angekommen und müssen auch wieder verlieren lernen“, nach dem man in der Aufstiegssaison nur eine Niederlage hinnehmen musste. Auch Gäste-Trainer Dennis Kutrieb erkannte, dass das hart erkämpfte drei Punkte waren: „Wir haben heute gegen eine Mannschaft gewonnen, die definitiv oben mitspielen wird“. Für dieses Kompliment bedanken wir uns und freuen uns auf das Rückspiel im Mommsenstadion.

Das Blau-Weiß 90 schon immer polarisierte ist uns durchaus bewusst und auch am Sonntag war abzusehen das es nach dem Spiel durchaus kritische Stimmen geben wird. In erste Linie bezogen auf den Ablauf vor und während des Spiels. Auch hier möchte ich noch mal Andreas Krühler aus der FuWo zitieren: „Nicht alles klappte dabei reibungslos … doch sei es drum, Blau-Weiß hat alles in allem für einen tollen Fußball-Nachmittag gesorgt“.

Wir haben das ja schon in den sozialen Netzwerken betont und Stellung zu durchaus berechtigter Kritik genommen. Es sind Fehler gemacht worden und man hat einige Dinge falsch eingeschätzt. Auch wenn uns im Vorfeld bewusst war welchen Andrang dieses Spiel verursachen könnte und wir durchaus vorbereitet waren, fehlte uns einfach die nötige Erfahrung mit solchen Zuschauermengen umzugehen. Bisher bewegten wir uns im Schnitt bei 100 – 150 Personen. Hinzu kommt, dass die Rathausritze kein Stadion und dementsprechend nicht mit dem Mommsenstadion zu vergleichen ist. Es müssen bspw. Auflagen der Sicherheit erfüllt werden, weshalb mehrere Bierwagen nicht aufgestellt werden durften. Das gibt der Platz auch gar nicht her. Das es zu Verzögerungen an den Kassen kam und es im Casino beim Ausschank Schwierigkeiten mit der Zapfanlage gab, dafür können wir nur um Entschuldigung bitten. Wir haben die Fehler erkannt und werden aus diesen lernen. Warum der Schiedsrichter das Spiel drei Minuten früher angepfiffen hat, ist mir und auch vielen anderen ein Rätsel. Und wenn er dies nicht selbst aufklärt, dann wird es auf ewig ein Rätsel bleiben.

Zum Abschluss möchte ich noch mal betonen, dass uns bei aller Euphorie, bei allen Ambitionen durchaus bewusst ist, dass man Erfolg nicht erzwingen kann. Wir haben Ziele die ganz deutlich definiert wurden. Um diese zu erreichen gilt es noch einen langen Weg zu gehen, der nicht immer von Erfolg gekrönt sein muss. Viele sehen Blau-Weiß 90 als „Geheimfavoriten“ für diese Saison. Das schmeichelt natürlich und wir nehmen dies gerne als ein riesen Kompliment auf. Der Aufstieg war der erste Schritt und diesen genießen wir, genauso wie die immer größer werdende Aufmerksamkeit. Wir verfallen deshalb aber nicht in eine Art Größenwahn, sondern bleiben realistisch. „Blau-Weiß 90 is back“ ist ein langfristig angelegtes Projekt, um diesen Verein wieder als feste Größe im überregionalen Fußball zu etablieren. In den sozialen Medien habe ich gelesen, dass wir auf keinen Fall aufsteigen werden und wir uns am Ende mit Platz 3-6 zufriedengeben müssen. Wir würden das sofort unterschreiben!

Ein Dank gilt allen ehrenamtlichen Helfern und allen die kurzfristig eingesprungen sind. Ihr habt dafür gesorgt, dass wir ein tolles Fußballfest erleben durften. Ihr habt einen tollen Job gemacht!!